Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte

Schrifttum | Projekt I/2017

Die ersten Berliner Meilensteine an Autobahnen in Hessen,
Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen (Berlin-Strecke 1)

  1. Einführung

    Der folgende Bericht ist der erste der Reihe über die Berliner Meilensteine an westdeutschen Autobahnen. Er behandelt den aktuellen Forschungsstand für die Berlin-Strecke 1 und ordnet die dort noch existierenden Meilensteine in den Gesamtzusammenhang ein. [1] Sie wurden vermutlich alle im Jahr 1954 aufgestellt, doch fehlen bis auf einen Fall dafür bedauerlicherweise entsprechende Belege.

    Ausgangspunkt für die Aktion war ein Rundschreiben des Bundesverkehrsministeriums in Bonn vom 24. November 1953 an die Straßenbehörden der großen westdeutschen Bundesländer, „Meilensteine mit dem Berliner Bären“ an bestimmten Autobahnstrecken aufzustellen. [2] Dazu wurden drei nach Berlin führende Autobahnstrecken festgelegt. An ihnen sollten im Abstand von je 100 km insgesamt 17 Gedenksteine stehen. Der federführende Ressortleiter im Bundesverkehrsministerium, Ministerialrat Dr. Kunde, beschrieb alle für die Aufstellung der Berliner Meilensteine ausgewählten westdeutschen Autobahnen aus Blickrichtung ihrer Nullpunkte, was nicht weiter verwundert, da er bis Kriegsende im Stab des Generalinspektors für das deutsche Straßenwesen für den Reichsautobahnbau tätig war und insofern die seit der Neu-Kilometrierung von 1939 gebräuchliche Sicht- und Zählweise für die durchgehenden Strecken beibehielt. Zum besseren Verständnis werden sie hier in Fahrtrichtung Berlin mit den heutigen Autobahn-Nummern erklärt:

    Berlin-Strecke 1:
    Autobahn Frankfurt – Köln – Oberhausen (A 3) und Autobahn Oberhausen – Hannover – Helmstedt (A 2) – 6 Meilensteine;

    Berlin-Strecke 2:
    Autobahn München – Stuttgart – Karlsruhe (A 8) und Autobahn Karlsruhe – Mannheim – Frankfurt – Kirchheim – Kassel – Hannover (A 5, A 656, A 67, A 5, A 7) – 6 Meilensteine;

    Berlin-Strecke 3:
    Autobahn Salzburg – München (A 8) und Autobahn München – Nürnberg – Hof (A 9) – 5 Meilensteine. [3]


     
  2. Berliner Meilensteine an der Autobahn A 3 Frankfurt - Oberhausen
     
    1. Der Meilenstein bei Limburg - verschollen

      Der erste Meilenstein dieser Strecke mit der Aufschrift „Berlin 700 km“, der seinerzeit „bei km 101,750 der Autobahn Köln – Frankfurt zwischen Diez und Limburg (auf hessischem Gebiet)“ aufgestellt wurde, ist nicht mehr vorhanden. [4]

      BM 700 km
       
      Bild 1: Rekonstruierter Standort des Berliner Meilensteins bei Betriebs-km 101,75 an der A 3
      (© Karte Google; Einzeichnungen und Text: R. Ruppmann)

      Eine Anfrage beim Regionalen Bevollmächtigten Westhessen von Hessen Mobil führte zu keinem Ergebnis; es sei niemand mehr verfügbar, der sich an die Aktion im Jahr 1954 oder die Beseitigung des Steins erinnern könne. Insofern bleibt heute nur die Vermutung, dass er im Zuge der diversen Um- und Erweiterungsbauten an diesem Teil der Strecke zerstört und abgeräumt wurde.

    2. Der Meilenstein am Heumarer Dreieck – oft verwechselt

      Der nächste Meilenstein mit der Aufschrift „Berlin 600 km“ erhielt lange Zeit dadurch erhöhte Aufmerksamkeit, dass er immer wieder mit dem am 12. Januar 1954 auf Höhe des Rasthauses Fernthal eingeweihten und heute am Parkplatz Epgert stehenden Berliner Meilenstein verwechselt wurde. Dieser ist jedoch mit „Berlin 650 km“ beschriftet und hat mit der ersten Serie der Autobahn-Meilensteine nichts zu tun, wenngleich er wohl aus der gleichen Produktion stammt (siehe dazu www.strassengeschichte.de, Suchwort ‚Meilenstein’).

      Dem hier zu beschreibenden ‚Stein mit dem Berliner Bären’ wurde laut Vorgabe des Verkehrsministeriums der Standort „bei km 1,750 der Autobahn Köln – Frankfurt zwischen Aachener Abzweig und Köln-Königsforst“ zugewiesen. [3]

      BM 600 km
       
      Bild 2: Berliner Meilenstein auf dem Grünstreifen im Dreieck Köln-Heumar
      (© Foto Michael Damm, 2014)

      Sein heutiger Standort ist, umtost vom starken Verkehr und deshalb kaum beachtet, auf dem breiten Grünstreifen des Dreiecks Köln-Heumar (Betriebs-km 0,4 in Fahrtrichtung Frankfurt) an der Gabelung der Autobahnen A 3 und A 4 in Fahrtrichtung Aachen. Der Stein wurde demnach vermutlich aus konservatorischen Gründen irgendwann rund 1,350 Kilometer weiter nach Norden versetzt. Er befindet sich nicht mehr im Originalzustand, weil Bärenrelief und Schriftzug nach Auskunft der zuständigen Autobahnmeisterei Leverkusen vor etwa 30 Jahren mit schwarzer Farbe hervorgehoben wurden. Dennoch erscheint er aufgrund seines insgesamt ansehnlichen Zustandes für den Denkmalschutz geeignet zu sein.

    Bild3 600km
     
    Bild 3: Die beiden Standorte des Berliner Meilensteins von 1954 an der A 3
    (© Karte Google; Einzeichnungen und Text: R. Ruppmann)

     

  3. Berliner Meilensteine an der A 2 Oberhausen – Hannover – Helmstedt

    Die Standortvorgaben für die folgenden Meilensteine in Fahrtrichtung Berlin nehmen Bezug auf die Kilometrierung für die Reichsautobahnstrecke Berlin – Kamen – Oberhausen. [5]

    1. Der Meilenstein bei Gelsenkirchen – verschwunden oder nur versetzt?

      Der Stein mit der Entfernungsangabe „Berlin 500 km“ hatte im Rundschreiben des BMV seinen Platz „bei km 450,0 der Autobahn Hannover – Köln zwischen Recklinghausen-Herne und Gelsenkirchen-Ost“ zugewiesen bekommen. Der Standort läge somit heute zwei Kilometer nach dem Parkplatz Stuckenbusch/Hohenhorst in Fahrtrichtung Berlin bzw. rund einen Kilometer vor der heutigen Anschlussstelle Herten. Doch dort ist kein Berliner Meilenstein zu finden, was nach den umfangreichen Umbauten und Neugestaltungen der A 2 in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht verwundern kann.

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      Bild 4: Standort des Berliner Meilensteins bei Gelsenkirchen-Ost
      (© Karte Google; Einzeichnung und Text R. Ruppmann)

      Es könnte jedoch sein, dass der Erinnerungsstein Anfang der 1960er Jahre im Zuge der ersten Umbauten an der A 2 an die Autobahn A 1 Leverkusener – Kamen verlagert wurde; dafür sprechen mehrere Indizien (siehe dazu Bild 6 und die dortigen Erläuterungen).

      Heute ist am Kreuz Oberhausen in Fahrtrichtung Hannover – Berlin bei Betriebs-Kilometer 473,0 vor der Mittelstütze der Autobahnüberführung ein Bärenstein mit der Aufschrift „Berlin 523 km“ zu sehen. Aus der ‚krummen’ Entfernungsangabe ist ersichtlich, dass es sich nicht um einen der ursprünglichen Meilensteine von 1954, sondern um eine spätere Generation handelt. Möglicherweise wurde er an dieser Stelle platziert, um den Anfang der A 2 zu markieren und den gesuchten Meilenstein zu ersetzen.

      Bild5
       
       
      Bild 5: Später gesetzter Berliner Meilenstein am Kreuz Oberhausen bei Betriebs-km 473,0
      (Quelle: www.eautobahn.de; © Foto Frank Buchhold)

      Ein Berliner Meilenstein mit der Kennzeichnung „Berlin 500 km“ steht an der A 1 zwischen Wuppertal und Hagen bei Betriebs-Kilometer 354,800, rund 1,2 km nördlich der Anschlussstelle Gevelsberg. Relief und Beschriftung gleichen jenen bei den Meilensteinen der ersten Serie von 1954 (siehe dazu Bild 2).

      Bild6
       
       
      Bild 6: Berliner Meilenstein an der A 1 nach der Anschlussstelle Gevelsberg –
      ursprünglich an der A 2 bei Gelsenkirchen-Ost?      (© Foto Autobahnmeisterei Hagen 2017)

      Nach Angaben der Autobahnmeisterei Hagen hat er die Maße 165*89*29 cm (H*B*T). Bemerkenswert ist, dass nur die Höhe deutlich vom Original abweicht (146*89*29). Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Autobahnmeisterei die Sockelhöhe von etwa 20 cm mitgerechnet hat.

      Da die Kilometerangabe wegen der hohen Schutzplanken von der Autobahn aus nicht mehr zu lesen war, hat die zuständige Autobahnmeisterei Hagen an zwei hinter dem Stein angeflanschten Stahlrohren ein Hinweisschild „500 km“ angebracht.

      Es fragt sich, weshalb dieser Meilenstein dort steht, denn 1954 war die Autobahn A 1 nur bis Remscheid in Betrieb und erreichte erst 1956 Hagen. Es gab also seinerzeit gar keine Möglichkeit, an dieser Stelle einen Berliner Gedenkstein zu errichten, weshalb diese Strecke im Rundschreiben des Bundesverkehrsministeriums vom 24.11.1953 auch nicht berücksichtigt wurde. Zudem ist das der einzige Meilenstein an der gesamten A 1.

      Deshalb wird hier die Auffassung vertreten, dass es sich um den gesuchten Meilenstein von der A 2 handelt, der ursprünglich zwischen Recklinghausen und Gelsenkirchen aufgestellt worden war. Mutmaßlich wurde er Anfang der 1960er Jahre aus Anlass des ersten Um- und Ausbaumaßnahmen an der A 2 im Raum Gelsenkirchen an diese Stelle versetzt. Ein pensionierter Mitarbeiter der Autobahnmeisterei bestätigte, dass der Stein bereits 1962 dort gestanden hat.

      Ein weiteres Argument spricht für diese These: Der Meilenstein besitzt eine große Ähnlichkeit zu dem an der A 2 bei Königslutter (bei Betriebs-km 149,880; siehe unten Bild 19), der ebenfalls zur ersten Generation der Berliner Meilensteine an den westdeutschen Autobahnen gehört.

    2. Der dreifache ‚Bär von Spexard’ – eine verwirrende Geschichte mit Happy End

      Der berühmteste aller Berliner Meilensteine aus der ersten Serie an den westdeutschen Autobahnen ist der ‚Bär von Spexard’ mit der Aufschrift „Berlin 400 km“. Seine wechselvolle Geschichte hat den Journalisten und zweiten Vorsitzenden des Heimatvereins Spexard, Markus Schumacher, und den Gründer der Frankfurter Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine, Michael Damm, dazu angeregt, alle erreichbaren Fakten zusammenzutragen und in eine zeitliche Reihenfolge zu bringen. Darauf bezieht sich die folgende Darstellung.

      Bild7
       
      Bild 7: Anweisung zur Errichtung des Fundaments
      (Quelle: Akte der Autobahnmeisterei Oelde; © Foto Michael Damm)

      Nach dem Ministeriums-Rundschreiben sollte der Meilenstein „bei km 350,0 der Autobahn Hannover – Köln zwischen Gütersloh und Rheda-Wiedenbrück“ errichtet werden. Die Bestimmung des endgültigen Platzes auf dem Mittelstreifen der schon damals mit A 2 bezeichneten Autobahn und die Auswahl des Baubetriebes für die Herstellung des Fundaments lag laut Schreiben des Landes-Straßenbauamtes Kamen vom 14. Dezember 1953 in der Hand der Straßenmeisterei Oelde.

      Den Auftrag für das nach vorgegebenem Plan zu betonierende Fundament erhielt die Firma Nahrmann & Co. aus Oelde. Ihre Rechnung über DM 108,50 wurde aus den Unterhalts- und Instandsetzungsmitteln des Straßenbauamtes bezahlt. Am 20. Januar 1954 stand der Meilenstein auf dem Mittelstreifen der A 2 bei Betriebs-km 350,1. In diesem Zusammenhang ist auf eine Ungereimtheit aufmerksam zu machen. Alle bisherigen Beschreibungen nennen als Aufstellungsort des ‚Bären von Spexard’ Betriebs-Kilometer 349,68 an der A 2. Die Straßenmeisterei Oelde (heute: Autobahnmeisterei) hat allerdings auf der Kopie des BMV-Rundschreibens vom 24.11.1953 handschriftlich km 350,1 vermerkt, nachdem der wohl zuerst vorgesehene Platz bei km 349,9 verworfen worden war (durchgestrichen). Diese Differenz von 420 Meter ist zwar unbedeutend, sollte aber nicht unerwähnt bleiben.

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      Bild 8: Ausschnitt aus der Abschrift des BMV-Rundschreibens mit handschriftlichem Vermerk der Straßenmeisterei Oelde für den Aufstellungsort des Meilensteins bei Spexard
      (Quelle: Akte der Autobahnmeisterei Oelde; © Foto Michael Damm)

      Die offizielle Einweihungsfeier für den Meilenstein bei Gütersloh/Spexard fand am 30. Januar 1954 statt. Das Datum zeigt, dass dies die allererste Platzierung eines Kilometersteins aus der vom Bundesverkehrsministerium in Auftrag gegebenen Serie für die drei definierten Autobahnstrecken war. (Bei dem am 12.01.1954 am Rasthaus Fernthal enthüllte Meilenstein handelt es sich, wie bereits oben erwähnt, um ein Unikat außerhalb dieser Serie.)

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      Bild 9: Anweisung zum gemeinsamen Transport der drei für NRW vorgesehenen Berliner Meilensteine
      (Quelle: Akte der Autobahnmeisterei Oelde; © Foto Michael Damm)

      Die Anweisung der Straßenbauverwaltung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (Bild 8) sah vor, die drei Meilensteine für Nordrhein-Westfalen zusammen beim Hersteller Dyckerhoff & Söhne in Wiesbaden-Amöneburg abzuholen. Somit dürften auch die beiden anderen Meilensteine in Nordrhein-Westfalen bei Gelsenkirchen-Ost (zuständige Autobahnmeisterei: Gelsenkirchen) und zwischen Aachener Abzweig und Köln-Königsforst (zuständige Autobahnmeisterei: vermutlich Leverkusen) bereits im Januar 1954 errichtet und eingeweiht worden sein, doch ist derzeit darüber nichts Näheres bekannt. [6]

      Zurück zum ‚Bär von Spexard’. Als zu Beginn der 1960er Jahre der Kraftfahrzeugverkehr auf den westdeutschen Autobahnen stark zunahm, erhielten die Mittelstreifen und gefährdete Stellen an den Außenrändern der Autobahnen aus Sicherheitsgründen Stahlschutzplanken, hinter denen die Meilensteine kaum mehr zu sehen war. Deshalb wurde der Spexarder Stein am 18. September 1962 auf den Seitenstreifen der A 2 umgesetzt. Die Autobahnmeisterei Oelde hatte damals Relief und Schrift durch weiße Farbe 'aufgehübscht', was die Denkmalseigenschaft des Meilensteins einschränkte (Bild 9).

      Dort stand er bis zum 10. Juni 1996. Doch in der Nacht auf den 11. Juni 1996 zerstörte ihn ein mit Rübenkraut beladener Lkw, der von der Fahrbahn abgekommen war. Mitarbeiter der Autobahnmeisterei beseitigten die Überreste des geborstenen Steins. Das größte Bruchstück mit dem fast unversehrten Bären-Relief barg der Landwirt Norbert Becker, der bei den Aufräumarbeiten geholfen hatte, weil seine Felder hier an die A 2 grenzen. Er lagerte das Fragment auf seinem Anwesen, wo es für zwei Jahrzehnte in Vergessenheit geriet.

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      Bild 10: Original des Berliner Meilensteins bei Spexard seitlich der A 2 bei Betriebs-Kilometer 350,1.
      (Quelle: Bären für Berlin www.m1k.de; © Foto R. Below 1995)

      Die Autobahnmeisterei gab bei der Steinbildhauerei Johannes Düchting in Soest alsbald eine Nachbildung in Auftrag. Düchting nutzte als Vorlage für die Herstellung des Betonsteins den 1959 in Lippstadt an der Brücke über die Lippe aufgestellten Berliner Meilenstein (Aufschrift: Berlin 490 km), der auch nach der Sintenis-Zeichnung gefertigt worden war. Beim Vergleich der beiden Bärensteine am Spexarder Standort „Auf dem Brock“ sind signifikante Unterschiede festzustellen. Das Faksimile ist insgesamt weniger feingliedrig ausgefallen zu sein als das Original (siehe Bilder 10 und 11).

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      Bild 11: Die erste Nachbildung des ‚Bären von Spexard’, seit 2013 am heutigen Standort
      vor der Autobahnpolizeiwache Kamen, Unnaer Straße 44    (© Foto Michael Damm 2016)

      Der Ersatzstein stand von 1997 bis 2011 neben der A 2, doch setzten ihm in diesem relativ kurzen Zeitraum Witterung, Streumaterial und Salzlauge stark zu. Offensichtlich war die Betonmischung von Steinbildhauer Düchting weniger robust als diejenige der Ursprungssteine von 1954, bei denen sehr widerstandsfähiger Taunus-Quarzit mit einem Quarzgehalt von 90 bis 95 % verwendet worden war, wie die insgesamt noch 14 erhaltenen Original-Meilensteine beweisen. Wegen des schlechten Zustandes entschloss sich die Autobahnmeisterei, die Kopie abzumontieren und auf ihrem Bauhof einzulagern. Dort entdeckte ihn 2013 der pensionierte Autobahnpolizist und Archivar Hermann Böhne, Kamen. Er schlug der Autobahnmeisterei Oelde vor, den Meilenstein in Kamen vor der dortigen Autobahnpolizeiwache aufzustellen, was noch im gleichen Jahr geschah.

      Im Februar 2016 machte Herr Böhne die Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine auf den neuen Standort des Meilensteins aufmerksam. Bei einer Ortsbesichtigung in Kamen stellte Herr Damm dann allerdings fest, dass es sich bei diesem Exemplar nicht um den Originalstein von 1954 handeln konnte, denn seine Maße wichen mit 145 * 86 * 28 (H*B*T) cm geringfügig von jenem des zerstörten Originals ab (H*B*T: 146 * 89 * 29).

      Naturgemäß blieb der Platz an der Autobahn aber nicht unbesetzt. Die Autobahnmeisterei Oelde beschaffte noch im Jahr 2011 eine zweite Nachbildung, dieses Mal aus hartem Granit (Bild 12). Dieser Meilenstein zeigt jedoch nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit dem Original. Das Bären-Relief hat nicht die stilistische Qualität des Sintenis-Entwurfs, der Bärenkopf gleicht eher dem eines Esels. Schrift und die Kilometerzahl wurden ohne Serifen ausgeführt. Insofern besitzt der heute an der A 2 in Fahrtrichtung Berlin zu sehende ‚Bär von Spexard’ allenfalls Erinnerungs-, aber keinen Denkmalwert.

      Am Rand sei hier ein kleines Kuriosum erwähnt: Der beauftragte Steinbildhauer meißelte bei der Produktion des Ersatz-Kilometersteins zunächst einen falschen Namen ein, nämlich „Beirut“ anstatt „Berlin“. Natürlich wurde der Stein nach Bekanntwerden des Irrtums sofort zerstört. Weil der dann aufgestellte und noch heute an der A 2 stehende Meilenstein aus chinesischem Granit gefertigt ist, nennt ihn der örtliche Volksmund auch „Chinesenstein“.

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      Bild 12: Das zweite Replikat des Berliner Meilensteins an der A 2 bei Gütersloh-Spexard von 2011
      (Quelle: Bären für Berlin www.m1k.de; © Foto R. Below, 2015)

      Nachdem somit die beiden Ersatz-Exemplare des ‚Bären von Spexard’ bekannt waren, fehlte immer noch eine Antwort auf die Frage, was aus den Trümmern des Ursprungssteins geworden ist. Bei Durchsicht der bis dahin bekannten Publikationen zu diesem Thema fiel Reiner Ruppmann, Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte, der letzte Satz im Artikel des Heimatvereins Spexard e.V. vom 21.02.2016 auf. Dort steht: „Einer seiner treuesten Freunde ist Nachbar und Landwirt Norbert Becker“. In einem Gespräch mit Herrn Damm, Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine, entstand die Idee, den Landwirt aufzusuchen, um ihn als Zeitzeugen zu befragen. Michael Damm fuhr im Juni 2016 nach Spexard. Zu seiner großen Überraschung zeigte ihm Norbert Becker das Fragment des Originalsteins von 1954 in einer Grube auf seinem Im Brock gelegenen Hof. Niemand hatte bis dahin von der Rettung dieses Überrestes gewusst.

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      Bild 13: Das Fragment des Berliner Meilensteins von 1954 Spexard, das Michael Damm im Juni 2016 im Hof des ortsansässigen Landwirts Norbert Becker entdeckte. Die weiße Farbe auf dem Relief war im Laufe der 20 Jahre Liegezeit verwittert. (© Foto Michael Damm, 2016) 

      Diese Entdeckung war für die Erforschung des Spexarder Meilensteins eine kleine Sensation, denn nun konnten zum ersten Mal alle Vermutungen, Halbwahrheiten und falschen Erklärungen zu den verschiedenen Spexard-Bären widerlegt und die wechselvolle Historie dieser drei Meilenstein-Generationen in allen Einzelheiten im Zusammenhang vorgestellt werden.

      Mit Schreiben vom 16. Juni 2016 an den Heimatverein Spexard teilte Michael Damm die Ergebnisse seiner Nachforschungen mit und betonte, dass er es sehr begrüßen würde, wenn der Verein das bei Landwirt Norbert Becker entdeckte Bruchstück des Originalsteins von 1954 als Erinnerungs-Skulptur im örtlichen Straßenraum aufstellen könnte. Die Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine hat in den zurückliegenden Jahren mit großem Engagement zahlreiche Berliner Meilensteine an Straßen und auf Plätzen vor dem Verschwinden gerettet, indem sie unter Denkmalschutz gestellt wurden. Kulturelle Kleindenkmäler müssen möglichst in situ bleiben, wenn sie ihren Denkmalcharakter behalten wollen. Deshalb begrüßte Herr Damm ausdrücklich die Errichtung eines Bruchstück-Denkmals nahe dem ursprünglichen Standort.

      Rund ein Jahr nach dem spektakulären Fund kehrte der Überrest des ursprünglich 1954 an der A 2 bei Betriebs-km 350,1 aufgestellten und 1996 zu Bruch gefahrenen Berliner Meilensteins fast an seinen alten Platz zurück. Der Vorstand des Heimatvereins Spexard enthüllte das gut erhaltene Vorderstück des Bärensteins am 10. Juni 2017 im Rahmen eines Nachbarschaftsfestes an der Weggabelung Plümer Weg/Im Brock am Konrad-Mestekemper-Platz.

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      Bild 14: Das Bruchstück des Original-Berliner Meilensteins von 1954 nach der Errichtung des Denkmals am Konrad-Mestekemper-Platz in Spexard im Mai 2017 (© Foto Andreas Sandbote).

      Die Enthüllung nahm Norbert Becker vor, der nach dem Unfall das Bruchstück 1996 aus dem Graben neben der Autobahn geborgen und bis zu seiner Entdeckung 2016 auf seinem Hof am Plümersweg aufbewahrt hatte. Der ‚Brock-Bürgermeister’ Rainer Delker taufte den Erinnerungsstein mit Spreewasser, das Michael Damm, Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine, eigens zu diesem Zweck für die Feier bereitstellte.

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      Bild 15: Die Skulptur mit dem Fragment des Berliner Meilensteins von 1954
      nach der Einweihungsfeier am 10. Juni 2017 (© Foto Michael Damm)

      Unweit dieser Stelle steht die Meilenstein-Nachbildung Nr. 2 aus Granit an der Autobahn A 2 bei Betriebs-km 350,1. Damit sind die drei Generationen des Spexarder Bären wieder öffentlich sichtbar.

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      Bild 16: Standort des Berliner Meilensteins aus Granit an der A 2 bei Betriebs-km 351,1 und der Skulptur mit dem Fragment des ersten Meilensteins von 1954 (© Karte Google; Einzeichnungen und Text: R. Ruppmann)

      Im Gegensatz zu dieser umfangreichen Geschichte gibt es über die beiden folgenden Berliner Meilensteine an der A 2 in Fahrtrichtung Berlin wenig zu berichten.

    3. Der Meilenstein bei Bad Nenndorf – irgendwann abgeräumt

      Ursprünglich war der Meilenstein mit der Kennzeichnung „Berlin 300 km“ auf dem Autobahn-Mittelstreifen „bei km 250 der Autobahn Hannover – Köln zwischen Wunstorf-Steinhuder Meer und Bad Nenndorf“ aufgestellt worden. Bedauerlicherweise gibt es hiervon keine Fotografie und auch keine Unterlagen. Aus heutiger Sicht stand der Stein rund 700 m nach dem 1997/98 erbauten Parkplatz ‚Bückethaler Knick Ost’

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      Bild 17: Ursprünglicher Standort des Berliner Meilensteins rund 700 m nach dem Parkplatz Bückethaler Knick
      (© Karte Google)

      Nach den Ausbauplanungen 1969 (Leber-Plan) sollte die Bundesstraße 65 erweitert und zur Autobahn A 30 Laatzen – Minden aufgestuft werden. Hierfür war bei Betriebs-Kilometer 250,0 die Errichtung eines Autobahnkreuzes ‚Bad Nenndorf’ vorgesehen. Es ist anzunehmen, dass diese Planung in den 1970er Jahren der Anlass war, den Berliner Meilenstein rund 13 Kilometer weiter nach Osten an die Einfahrt der Autobahn-Raststätte Garbsen-Süd (Betriebs-km 237,2) zu versetzen.

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      Bild 18: Standort des Berliner Meilensteins (früher bei Bad Nenndorf) im Jahr 1995 an der Einfahrt zur Autobahn-Raststätte Garbsen-Süd (© Foto R. Below 1995; © Karte Google; Einzeichnung und Text R. Ruppmann)

      Dort hat ihn R. Below 1995 fotografiert, dem wir viele Aufnahmen Berliner Meilensteine an Autobahnen verdanken. Der Stein ist wahrscheinlich im Zuge des 1997/98 wegen der Expo in Hannover erfolgten Ausbaus der A 2 auf sechs Fahrstreifen achtlos entsorgt worden. Telefonische Recherchen bei der Autobahnmeisterei Lauenau und der Straßenmeisterei Stadthagen haben keine weiterführenden Informationen gebracht.

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      Bild 19: Der Berliner Meilenstein im Jahr 1995
      (© Foto R. Below 1995

    4. Der Meilenstein bei Königslutter – immer noch auf dem Mittelstreifen

      Erfreulicherweise ist der letzte Berliner Meilenstein in Fahrtrichtung Helmstedt – Berlin mit der Aufschrift „Berlin 200 km“ noch auf dem Mittelstreifen der A 2 erhalten, obwohl auch hier die A 2 um- und ausgebaut wurde. Doch steht der Stein nicht mehr am ursprünglichen Standort „bei km 150,0 der Autobahn Helmstedt – Hannover zwischen Königslutter und Braunschweig-Ost“ – nach heutigem Maßstab rund 1,5 Kilometer vor der Anschlussstelle Königslutter, – sondern etwas weiter östlich bei Betriebskilometer 149,880 der A 2.

      Laut Mitteilung vom Juni 2017 hat die zuständige Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen den Berliner Stein beim Ausbau der A 2 im Mittelstreifen westlich der Anschlussstelle Königslutter/östlich von Bauwerk 132 (Überführung über die Kreisstraße 6) gefunden. Der Stein wurde vor den Ausbauarbeiten geborgen und dann 1998 oder 1999 fast am gleichen Standort im überbreiten Mittelstreifen wieder aufgestellt. Der Stein sollte dahin, wo er vorher gestanden hat, natürlich angepasst an die neue Situation.

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      Bild 20: Ursprünglicher und neuer Standort des Berliner Meilensteins bei Königslutter
      (© Karte Google; Einzeichnungen und Text R. Ruppmann)

      Laut Mitteilung vom Juni 2017 hat die zuständige Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen den Berliner Stein beim Ausbau der A 2 im Mittelstreifen westlich der Anschlussstelle Königslutter/östlich von Bauwerk 132 (Überführung über die Kreisstraße 6) gefunden. Der Stein wurde vor den Ausbauarbeiten geborgen und dann 1998 oder 1999 fast am gleichen Standort im überbreiten Mittelstreifen wieder aufgestellt. Der Stein sollte dahin, wo er vorher gestanden hat, natürlich angepasst an die neue Situation.

      Um den Meilenstein vor Beschädigungen bei Mäharbeiten zu schützen, hat die Autobahnmeisterei einen mit Pflastersteinen bedeckten Erd- oder Beton-Hügel errichtet. Die sichtbare Höhe des Steins beträgt deshalb nur 130 cm (Originalhöhe 149 cm). Die Breite von 89 cm entspricht jener der anderer Meilensteine von 1954 an den Autobahnen, die Tiefe dürfte demgemäß mit 29 cm anzunehmen sein.

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      Bild 21: Der Berliner Meilenstein bei Königslutter auf dem Mittelstreifen der A 2 im Juli 2017
      (© Foto Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen 2017)

Anmerkungen

[1] Der Ursprung und die ersten Berliner Meilensteine an westdeutschen Autobahnen werden im »Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte« erstmals mit vier grundlegenden Beiträgen systematisch aufgearbeitet:
  1. Geschichte der Berliner Meilensteine von 1954 an westdeutschen Autobahnen. Kleindenkmale aus der Zeit der deutschen Teilung;
  2. Die ersten Berliner Meilensteine an den Autobahnen in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen (Berlin-Strecke 1);
  3. Die ersten Berliner Meilensteine an den Autobahnen in Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen (Berlin-Strecke 2);
  4. Die ersten Berliner Meilensteine an den Autobahnen in Bayern (Berlin-Strecke 3).
[2] Zitat aus dem Original-Rundschreiben des Bundesministers für Verkehr (BMV) vom 24. November 1953 an die obersten Straßenbaubehörden der Länder mit der Anweisung zur Errichtung von 17 Berliner Meilensteinen („Meilensteine mit dem Berliner Bären“) an drei westdeutschen Autobahnstrecken, in: Akt 353, Bayerisches Staatsarchiv München.
[3] Sämtliche Standort-Vorgaben für das Setzen der Berliner Meilensteine beruhten auf der seit 1939 gültigen Reichsautobahn-Kilometrierung. In 15 Fällen lag der Nullpunkt am Berliner Ring, in je drei Fällen in Hamburg bzw. München und in vier Fällen in Dresden. Für die vorliegende Strecke handelte es sich um die Reichsautobahn Köln – Linz (die heutige A 3 mit Fortsetzung in Österreich als A 8).
Siehe Rudolf Hoffmann: Die Kilometrierung der Reichsautobahnen, in: DIE STRASSE 6. Jahrgang 1939, Augustheft, S. 486-488.
[4] Der Nullpunkt für die Autobahn A 3 liegt seit der Neukilometrierung im Jahr 1939 am Heumarer Abzweig der Autobahn nach Aachen (heute Dreieck Köln-Heumar). Die Kilometer-Zählung läuft durch bis zum deutsch-österreichischen Grenzübergang Suben.
[5] Seinerzeit wurden die Reichsautobahn-Kilometer dieser Strecke bis zum Heumarer Dreieck und von dort weiter nach Aachen durchgezählt.
[6] Im Bereich der Autobahndirektion Südbayern waren die Betonarbeiten für die Fundamente der Berliner Meilensteine ebenfalls im Januar 1954 abgeschlossen, obwohl die Ausführungszeichnung erst im März 1954 an die Autobahnmeistereien ausgegeben wurden.
 
© Reiner Ruppmann, Juni/Juli 2017
Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte
E-Mail: redaktion@strassengeschichte.de
Internet: www.strassengeschichte.de


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