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Geschichte & Verwaltung | Historie & Gegenwart

Der Nürburgring (Teil 2): Nach dem 2. Weltkrieg bis heute

Einleitung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Land Rheinland-Pfalz von der französischen Besatzungsmacht beauftragt, den Nürburgring wieder aufzubauen, sodass gegen Ende des Jahres 1946 mit den Arbeiten begonnen werden konnte. Die französische Besatzungsmacht, in deren Zone der Kreis Ahrweiler mit der Hocheifel und dem Nürburgring fiel, wollte bereits im Mai 1947 ein internationales Wagenrennen des Automobil-Clubs von Frankreich durchführen. Dabei sollten nicht nur Reparaturen an der Südschleife und am Start und Ziel der Rennstrecke vorgenommen, sondern auch die Zufahrtsstraßen zum Nürburgring wieder instandgesetzt werden. Das Rennen fand aber wegen finanzieller Probleme nicht statt, ebensowenig ein für den 27. Juli 1947 geplantes internationales Rennen ohne deutsche Beteiligung.

Nachdem die Start- und Zielgerade und anschließend die Südschleife vollkommen wiederhergestellt waren, wurden am 17. August 1947 vor 80.000 Zuschauern verschiedene Motorrad-Rennen mit und ohne Beiwagen um den „Eifelpokal“ durchgeführt. Als Ausrichter dieser Rennen war der Motorsport-Verband Rheinland-Pfalz eingesprungen, da der ADAC und der AvD nach ihrer Auflösung im Jahre 1933 noch nicht wieder neu gegründet worden waren. Im Jahr 1948 investierte das Land Rheinland-Pfalz hunderttausende Reichs- und Deutsche Mark in den Wiederaufbau und die Modernisierung der Nordschleife. So konnten ab 1949 neben den Motorrad- auch wieder Autorennen auf diesem Kurs durchgeführt werden und am 22. Mai 1949 fand vor über 100.000 Zuschauern das Eifelpokal-Rennen und am 7. August der „Große Preis vom Nürburgring“ statt.

Da das Land Rheinland-Pfalz sich im Laufe der Jahre für die vollständige Reparatur und Instandhaltung des Nürburgrings als finanziell überfordert erwies, wurde die Trägerschaft 1952 zwischen Rheinland-Pfalz und der Bundesrepublik Deutschland zu nahezu gleichen Anteilen aufgeteilt, wobei ein geringer Prozentsatz auch auf den Kreis Ahrweiler entfiel. Als Argument für die Beteiligung des Bundes wurde angegeben, dass die Internationalität der Rennen auf dem Nürburgring dazu beitragen würde, die außenpolitische Isolation der jungen Bundesrepublik weiter zu verringern. Da sich jedoch keine privaten Investoren fanden, blieb die finanzielle Situation der Nürburgring GmbH angespannt. Die staatlichen Zuschüsse dienten vor allem der Instandhaltung der Rennstrecken sowie den Sicherheitsvorkehrungen für Fahrer und Zuschauer. Hinzu kamen die hohen Kosten, die durch die Länge des Kurses bedingt waren. Daran übten die Zuschauer auch Kritik, da das Renngeschehen immer wieder von längeren Pausen unterbrochen wurde.

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Bild 12: Gesamtstrecke mit umgebauter Nordschleife und neuer Grand-Prix-Strecke ab 1984 (Quelle-Wiki Commons-Pitlane 02)

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Bild 13: Die neue Grand-Prix-Strecke mit Michael-Schumacher-S und Mercedes Arena ab 2002 (Quelle-Wiki Commons-Pitlane 02)

Die als „Grüne Hölle“ bezeichnete Nordschleife des Nürburgrings geriet durch die hohe Anzahl von Unfällen sowohl bei den offiziellen Rennen als auch bei den Privatfahrern in die Diskussion um mehr Sicherheit. So bilanzierte die Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ unter der Überschrift „Renovierte Hölle“ am 07. Mai 1984: „Zwischen 1927 und 1977 kamen mehr als 300 Menschen am Nürburgring um, zehn Grand-Prix-Fahrer, aber auch Streckenposten, Zuschauer und Amateurfahrer, die für fünf bis zehn Mark eine Privatrunde drehen durften.“ [1] Dementsprechend wurde im Laufe der Jahre deutlich, dass der Nürburgring immer weniger der Sicherheit von immer schneller werdenden Autos gerecht werden konnte. Zwar wurde ab 1970 mit zweistelligen Millionenbeträgen in Maßnahmen wie breitere Auslaufzonen und Fangzäune investiert, doch war die Nordschleife durch die Umbauten eher schneller und noch risikoreicher geworden. Damit war absehbar, dass nach dem Aus der Nordschleife 1976/77 eine eigene Grand-Prix-Strecke gebaut werden musste, um überhaupt noch Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring durchführen zu können.

Die Formel 1-Rennen (ab 1951)

Im Jahre 1950 führte die Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) mit Sitz in Paris die Formel-1-Weltmeisterschaft als neue Formelserie ein. Das erste als WM-Lauf gewertete Grand-Prix-Rennen der Nachkriegszeit auf dem Nürburgring fand am 29. Juli 1951 statt, während ein Jahr zuvor schon der Große Preis von Deutschland noch ohne WM-Status durchgeführt worden war. Die späten fünfziger und die sechziger Jahre gelten als die „Goldene Zeit“ des Nürburgrings. Rennfahrer-Legenden wie Juan Manuel Fangio (1911-1995), Stirling Moss (geb. 1929), John Surtees (1934-2017) und Jackie Stewart (geb. 1939) gewannen mehrfach das Formel-1-Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings.

Zum Großen Preis von Europa des Jahres 1954 kamen 400.000 Zuschauer und sahen den Sieg des Argentiniers Juan Manuel Fangio, dessen Landsmann Onofré Marimón beim Training am 31. Juli 1954 tödlich verunglückte. Dies war der erste Todesfall in einem Weltmeisterschaftslauf der Formel 1, dem in den fünfziger und sechziger Jahren weitere tödliche Unfälle auf dem Nürburgring folgten: Peter Collins auf Ferrari (GP 1958), Carel Godin de Beaufort auf Porsche (GP 1964) und Gerhard Mitter auf BMW (GP 1969).

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Bild 14: Verpatzter Boxenstop von Juan Manuel Fangio (Maserati) beim GP 1957
(Quelle-Landesarchiv Baden-Württemberg, W 134, Nr. 048165b)

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Bild 15: Stirling Moss (Lotus) beim GP von Europa 1961 (Quelle-Wiki Commons-Lothar Spurzem)

Juan Manuel Fangio gewann insgesamt drei Mal mit verschiedenen Formel-1-Fahrzeugen den Grand Prix auf dem Nürburgring: 1954 auf Mercedes, 1956 auf Ferrari und 1957 auf Maserati. Beim letzten Rennen zeigte Fangio eine beeindruckende Leistung, indem er trotz eines verpatzten Boxenstops das Rennen gewinnen und sich seinen fünften WM-Titel in der Formel 1 sichern konnte.

Neben Juan Manuel Fangio seien vor allem folgende Formel-1-Fahrer genannt, die in die Annalen des Nürburgrings eingingen:

* Stirling Moss( geb. 1929), Sieger des GP 1961 auf Lotus
* Graham Hill (1929-1975), Sieger des GP 1962 auf Lotus
* John Surtees (1934-2017), Sieger des GP 1963 und 1964 auf Ferrari sowie 1965 auf Lotus
* Jack Brabham (1926-2014), Sieger des GP 1966 auf Lotus
* Jackie Stewart (geb. 1939), Sieger des GP 1968 auf Matra-Ford sowie 1971 und 1973 auf Tyrell-Ford

Rekordsieger des GP auf dem Nürburgring ist Michael Schumacher, der insgesamt fünfmal das Formel-1-Rennen gewinnen konnte: 1995 auf Benetton sowie 2000, 2001, 2004 und 2006 auf Ferrari. Sowohl der mehrfache Grand-Prix-Sieger Jochen Rindt (1942-1970), der am 5. September 1970 beim Training zum GP von Italien in Monza tödlich verunglückte, als auch der dreifache Weltmeister Niki Lauda (1949-2019), dessen Unfall am 1. August 1976 die Diskussion um die Sicherheit der Nordschleife neu entfachte, konnten sich nicht in die Liste der Gewinner des GP auf dem Nürburgring eintragen.

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Bild 16: Graham Hill (B.R.M.), vor John Surtees (Lola) und Dan Gurney (Porsche) im Streckenabschnitt Hatzenbach beim GP 1962
(Quelle-Wiki Commons-Lothar Spurzem)

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Bild 17: Start des GP 1963 (Quelle-LHAKo, Bestand 710, Nr. 7482)

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Bild 18: Jochen Rindt (Lotus) an der Einfahrt zum Fahrerlager beim Training zum GP 1969
(Quelle-Wiki Commons-Lothar Spurzem)

Die 1000-km-Rennen (ab 1953)

Ab 1953 veranstaltete der ADAC auf der Nordschleife ein Langstrecken- bzw. Sportwagenrennen, das über 44 Runden mit jeweils 22,810 km führte und insgesamt 1003,64 km umfasste. Nach dem Bau der neuen Grand-Prix-Strecke fand das 1000-km-Rennen bis auf eine Ausnahme (2010) auf dem mit 4,542 km verkürzten Kurs statt. Dabei mussten 207 Runden gefahren werden, um am Ende 940,194 km zu erreichen.

Das erste 1000-km-Rennen fand am 31. August 1953 statt und wurde zur Sportwagen-Weltmeisterschaft gewertet. Am Ende gewannen Alberto Ascari und Giuseppe Farina auf Ferrari 375, die für den Kurs insgesamt 8:20:44 Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 120,268 km/h benötigten. An dem Rennen, bei dem erstmals ein Le-Mans-Start 1 erfolgte, nahmen 50 Fahrzeuge teil. 1954-1955 wurde kein 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring durchgeführt, bevor 1956 eine ununterbrochene Serie von 36 Rennen gestartet wurde. Nach 1991 gab es eine Pause von neun Jahren. Erst im Jahre 2000 wurden angesichts der starken deutschen Teams von BMW und Audi wieder die 1000 km auf dem Nürburgring gefahren. Seit 2004 findet nach einer Pause von drei Jahren das ADAC-Rennen wieder als fester Bestandteil des Jahresprogramms auf dem Nürburgring statt.

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Bild 19: Graham Hill (Porsche 718) in der Südkehre beim 1000-km-Rennen 1962 (Quelle-Wiki Commons-Lothar Spurzem)

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Bild 20: Le-Mans-Start zum 1000-km-Rennen 1965 (Quelle-Wiki Commons-Lothar Spurzem)

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Bild 21: Abb. 21-Indianapolisstart (Südkehre) zum 1000-km-Rennen 1969 (Quelle-Wiki Commons-Lothar Spurzem)

Anstelle des Le-Mans-Starts wurde im Jahre 1969 der Indianapolisstart bei dem 1000-km-Rennen eingeführt, bei dem die Fahrer hinter einem Führungsfahrzeug eine Einführungsrunde fuhren und danach das Rennen mit einem fliegenden Start aufnahmen. 1973 wurde die Distanz wegen der Ölkrise auf 33 Runden mit 753,555 km begrenzt. Am 30. Mai 1982 fand das letzte 1000-km-Rennen auf der Nordschleife statt, bei dem wieder 44 Runden gefahren wurden. Im Juli 1984 fand das erste 1000-km-Rennen auf der neuen Grand-Prix-Strecke statt, das Derek Bell und Stefan Bellof auf Porsche 956 gewannen und bei dem zum ersten und einzigen Mal der spätere dreimalige Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna (1960-1994) auf Porsche 956 teilnahm.

Auf der bis 1970 weitgehend ungesicherten Nordschleife ereigneten sich mehrere schwere Unfälle. So verunglückten beim 1000-km-Rennen 1964 Brian Hetreed auf Aston Martin und Rudolf Wilhelm Moser auf Porsche 904 tödlich. Im Jahre 1981 prallte Herbert Müller mit seinem Porsche 908 Turbo auf einen am Streckenrand abgestellten Porsche 935. Dabei platzte der Tank beider Rennwagen, sodass sich hunderte Liter Benzin entzündeten und die Unfallstelle in ein Inferno verwandelten, dem Herbert Müller nicht mehr lebend entkommen konnte.

Modernisierung der Nordschleife (ab 1970)

Das Jahr 1970 bedeutete den Anfang vom Ende der traditionellen Nordschleife. Der für den 2. August jenes Jahres geplante GP der Formel 1 fiel wegen eines Boykotts der Rennfahrer aus und wurde auf den Hockenheim-Kurs verlegt. Zuvor hatten die Fahrer eine Liste von Baumaßnahmen vorgelegt, die für ihre Sicherheit auf der Nordschleife erforderlich waren. Im Februar 1971 wurde bei einem Kostenaufwand von 6,585 Millionen DM mit dem Umbau begonnen, bei dem die Streckenführung grundsätzlich erhalten blieb. Die von den Fahrern geforderten breiten Auslaufzonen konnten allerdings aufgrund der an vielen Stellen vorhandenen Hanglage nicht verwirklicht werden.

1973 waren bereits 17,31 Millionen DM zur Modernisierung der Nordschleife in den folgenden Jahren einkalkuliert. Trotzdem boykottierten im Frühjahr 1974 die Motorradfahrer den Kurs und Ende 1976 kündigten die Formel-1-Fahrer einen abermaligen Boykott des GP von Deutschland an, obwohl mittlerweile bereits über 20 Millionen DM in die Sicherheit der Nordschleife investiert worden waren. Nach dem schweren Unfall von Niki Lauda beim GP von Deutschland am 1. August 1976 war das Ende der Nordschleife für Formel-1-Rennen besiegelt. Es fand ab 1977 auf dem Hockenheimring statt.

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Bild 22: Unfall von Niki Lauda (Ferrari) beim GP am 1. August 1976 im Streckenabschnitt Bergwerk (Quelle-Foto von Frank Rost)

Neuorientierung (ab 1976) und Bau der neuen Grand-Prix-Strecke (1984)

1976 war für die Nürburgring GmbH ein „Katastrophenjahr“, denn nach dem Weggang der Formel-1 wurde zwischen dem Bund und dem Land Rheinland-Pfalz das Für und Wider einer neuen Strecke am Nürburgring diskutiert. Dabei war „erneut von der Funktion des Kurses als Teststrecke und Aushängeschild der deutschen Autoindustrie, von der Förderung des Rennsportes in der Bundesrepublik Deutschland und Linderung der Strukturschwäche der Region die Rede, bei der eben auch der Tourismus eine bedeutende Rolle spiele.“ [2]

Nachdem der Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH im Oktober 1977 den Neubau einer 6,7 km langen Kurzstrecke im Bereich der Südschleife und des Start-/Zielplatzes mit 150.000 Zuschauerplätzen für 73 Millionen DM beschlossen hatte, war die Finanzierung des Projektes zwischen Land und Bund umstritten. Schließlich einigte man sich auf den Bau einer 4,5 km langen Grand-Prix-Strecke mit 120.000 Tribünenplätzen, die mit dem alten Kurs lediglich die Start- und Ziel-Gerade gemeinsam hatte. Dabei schied der Bund mit einer Abstandszahlung von 40 Millionen DM aus der Nürburgring GmbH aus, sodass Rheinland-Pfalz zunächst zu 99,9 % alleiniger Gesellschafter war, bis im Jahr 1984 der Kreis Ahrweiler 10 % Anteile übernahm.

Am 12. Mai 1984 wurde die neue Grand-Prix-Strecke mit ihren breiten Auslaufzonen eingeweiht, wobei die endgültigen Baukosten in Höhe von 81 Millionen DM nur geringfügig die ursprüngliche Kalkulation überschritten hatten. Der neue Kurs wurde mit einem Schaurennen eingeweiht, an dem 20 identische Mercedes-Benz-Tourenwagen teilnahmen, die u.a. von neun ehemaligen Formel-1-Weltmeistern gesteuert wurden. Im Jahr 2000 wurde die gesamte Boxenanlage an Start und Ziel mit insgesamt 33 Garagen erweitert, während 2002 die Formel-1-Strecke mit dem Bau der Mercedes-Arena auf rund 5,1 km erweitert wurde.

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Bild 23: Michael Schumacher beim GP von Europa 2001 (Quelle-Wiki Commons-Vunz)

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Bild 24: Michael Schumacher (Mercedes) auf der neuen Grand-Prix-Strecke beim GP 2011 (Quelle-Wiki Commons-VnGrijl)

Die Formel 1 kehrte 1984 und 1985 noch einmal auf den Nürburgring zurück, ab 1986 fand der GP von Deutschland jedoch wieder auf dem Hockenheimring statt. Von 1995 bis 2006 fand jährlich ein zweites Formel-1-Rennen in Deutschland statt, das als GP von Europa bezeichnet wurde (1997 und 1998 als GP von Luxemburg). Der erste „Heimsieg“ eines deutschen Fahrers auf der neuen Grand-Prix-Strecke gelang Michael Schumacher beim GP 1995 auf Benetton. Dabei umfasste die Renndistanz aufgrund des Umbaus von 2002 insgesamt 60 Runden mit 308,863 Kilometern. Ab 2007 wurde der GP nur noch einmal in Deutschland ausgetragen, nämlich im jährlichen Wechsel in der Eifel (dort 2007 als GP von Europa) und in Hockenheim. Im Januar 2007 warf der rheinland-pfälzische Rechnungshof der Nürburgring GmbH „Missmanagement“ vor. Bei den Formel-1-Veranstaltungen von 2004 und 2005 sei ein Verlust von 9 Millionen Euro entstanden, wobei insbesondere das von der „Formula One Administration Ltd" (FOA) geforderte Antrittsgeld in Höhe von rund 16 Millionen Euro für das Defizit verantwortlich gemacht wurde. Das letzte Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring mit dem Gewinner Sebastian Vettel auf Red Bull fand am 7. Juli 2013 vor rund 110.000 Zuschauern statt.

Sonstige Rennen und Veranstaltungen

Bis heute gilt der Nürburgring als die bekannteste Motorsportstrecke der Welt. Hierzu tragen neben der Formel 1 und dem 1000-km-Rennen weitere Rennsport-Ereignisse wie das ADAC-24-Stunden-Rennen für Tourenwagen (seit 1970) auf der Grand-Prix-Strecke in Verbindung mit der Nordschleife (Rundenlänge: 25,378 km) und der Truck-Grand-Prix (seit 1986) mit jeweils bis zu 220.000 Besuchern bei. Hinzu kommen der AvD-Oldtimer-Grand-Prix (seit 1973) mit hunderten von historischen Rennfahrzeugen aus allen Motorsportepochen sowie der Lauf zur Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM).

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Bild 25: Einführungsrunde beim 24-Stunden-Rennen 2016 (Quelle-Wiki Commons-Björn Fey)

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Bild 26: Internationaler ADAC-Truck-Grand-Prix 2013-Reinigungsfahrzeuge (Quelle-Wiki Commons-Achim Raschke)

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Bild 27: AvD-Oldtimer-Grand-Prix 2009 (Quelle-Wiki Commons-AvD)

Neben den Rennsportereignissen hat sich seit 1985 das jährliche Festival „Rock am Ring“ mit rund 80.000 Besuchern etabliert, das bis 2014 im Fahrerlager-Bereich durchgeführt, danach aber in die nahegelegene Gemeinde Mendig verlegt wurde. Seit 2017 findet dieses Musikereignis wieder am Nürburgring statt. Als weitere Events sind verschiedene Radsport-Veranstaltungen wie „Rad am Ring“ zu nennen, die auf der Nordschleife und im Gelände zwischen dem Start- und Zielbereich und der Nürburg durchgeführt werden und an denen 2012 über 5.000 Radsportler teilnahmen.

Das Projekt „Nürburgring 2009“

„Projekt Nürburgring 2009: Disneyland an der Nordschleife“, so titelte der „Spiegel online“ am 08.11.2007 über die ehrgeizigen Pläne der Nürburgring GmbH und schrieb weiter: „Aus dem altehrwürdigen Nürburgring soll ein gigantischer Vergnügungspark werden. Finanzierung und Erfolgsaussichten des kühnen Umbauplans sind ungewiss – andere Motorsport-Standorte haben den Eifel-Parcours ohnehin längst abgehängt.“ [3]

Im November 2007 wurden das Erlebnisweltgebäude an Start und Ziel und der angrenzende Parkplatz abgerissen. Anstelle der gesprengten Haupttribüne gegenüber den Boxen entstand eine neue Tribüne mit Platz für 5.000 Zuschauern, wobei im oberen Teil eine VIP-Lounge für 600 Personen eingerichtet wurde. Bis Sommer 2009 entstand entlang der Start- und Ziel-Geraden eine Erlebnismeile, der sogenannte „Ring-Boulevard“, der mit einer 4.000 qm großen und 4.500 Sitzplätze umfassenden Halle, einem neuen 4-Sterne-Hotel und einem Indoor-Themenpark ergänzt wurde. Das Eifeldorf „Grüne Hölle“ auf der anderen Seite der Bundesstraße war mit einer Ansammlung von Restaurants und Diskotheken ausgestattet. Das absolute „Highlight“ sollte der „Ring-Racer“ werden, eine mit Luftdruck beschleunigte Achterbahn. Der Fahrbetrieb wurde jedoch zunächst nicht aufgenommen, da es bei Testfahrten 2009 zu zwei Explosionen mit mehreren Verletzten gekommen war. Nach einer kurzen Inbetriebnahme im Oktober 2013 wurde der Fahrbetrieb des „Ring-Racer“ im November 2013 endgültig eingestellt.

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Bild 28: Panorama-Aufnahme des Projekts Nürburgring 2009 mit (von links nach rechts) Lindner-Hotel, Ring-Racer, Warsteiner Event-Center, Ring-Arena, Ring-Boulevard und Ring-Werk (Quelle-Wiki Commons-Pitlane 02)

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Bild 29: Panorama-Aufnahme vom Haupteingang des Nürburgrings (Quelle-Wiki Commons-Holger Weinandt)

Im Februar 2009 erlaubte der rheinland-pfälzische Landtag die Einrichtung einer Spielbank am Nürburgring und am 9. Juli jenes Jahres wurde das Großprojekt im zeitlichen Umfeld des GP von Deutschland durch Kurt Beck, den Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, eröffnet. Das Projekt „Nürburgring 2009“, in das rund 350 Millionen Euro aus Steuermitteln investiert worden waren, führte im Sommer 2009 zum Rücktritt des rheinland-pfälzischen Finanzministers Ingolf Deubel, der im April 2014 wegen Untreue und uneidlicher Falschaussage vom Landgericht Koblenz verurteilt wurde. Ebenfalls verurteilt wegen Untreue wurde der ehemalige Geschäftsführer der Nürburgring GmbH, Walter Kafitz.

Insolvenz und Verkauf (2012)

Im Mai 2010 wurde der Betrieb an die private Nürburgring Automotive GmbH verpachtet, die aber ebenfalls nicht in der Lage war, mehr Besucher in die Erlebniswelt am Nürburgring zu locken. Deshalb schloss sie im November 2011 Teile der Erlebniswelt und reduzierte die Pacht. Als die Zahlungen ganz ausblieben, wurde der Pachtvertrag im Februar 2012 durch die rheinland-pfälzische Landesregierung gekündigt. Im Juli dieses Jahres wurden Beihilfen in Höhe von 13 Millionen Euro beantragt, die durch die EU-Kommission wegen Wettbewerbsverzerrung aber nicht genehmigt wurden. Die EU-Kommission hatte bereits im März 2012 ein Verfahren wegen verbotener staatlicher Beihilfen in die Wege geleitet.

Folglich drohte der Nürburgring GmbH die Zahlungsunfähigkeit, sodass am 2. November 2012 das Insolvenzverfahren offiziell eröffnet wurde. Am 11. März 2014 wurde durch die Gläubiger bekannt gegeben, dass der Nürburgring für 77 Millionen Euro an den Düsseldorfer Automobilzulieferer „Capricorn“ verkauft werde, der weitere 25 Millionen Euro in den Nürburgring investieren wolle. Die unrentablen Bestandteile „Grüne Hölle“ und „Ring-Racer“ der Erlebniswelt sollten mit dem Wirksamwerden des Verkaufs zum 1. Januar 2015 geschlossen werden. Seit Ende Oktober 2014 besitzt der russische Milliardär Viktor Charitonin zwei Drittel der Anteile am Nürburgring, die er von „Capricorn“ übernommen hat. Mittlerweile wurden von der EU-Kommission staatliche Beihilfen in Höhe von 456 Millionen Euro zurückgefordert, die vom Land Rheinland-Pfalz unrechtmäßig zur Aufrechterhaltung des Betriebs am Nürburgring geflossen waren.

Nachbetrachtungen

Am 01.8.2012 wurden in „Spiegel online“ unter der Überschrift „Nürburgring-Pleite: Auf Crashkurs“ kritische Fragen hinsichtlich des Finanzgebarens und des Finanzdesasters im Zuge des Projektes „Nürburgring 2009“ gestellt: „Der Nürburgring ist pleite. Wer aber trägt die Schuld daran? Und wo sind die Millionen hin, die Rheinland-Pfalz in den Erlebnispark an der Rennstrecke gesteckt hat?“ [4]

Fakt ist jedenfalls, dass bei der Suche nach Investoren für das Großprojekt Nürburgring dubiose Finanzvermittler beauftragt und zum Beweis der Liquidität von Rheinland-Pfalz 95 Millionen Euro nach Liechtenstein überwiesen wurden. Nachdem aber kein privater Investor gefunden werden konnte, wurden die Kosten für das Projekt vorläufig aus Steuergeldern finanziert und mit dem Bau der überdimensionierten Anlage "Nürburgring 2009" begonnen. Zudem wurde das Projekt durch die einheimische Gastronomie rund um Adenau abgelehnt, da vor allem mit dem Eifeldorf „Grüne Hölle“ eine mit Steuergeldern subventionierte Konkurrenz entstanden war. Gleichwohl blieben Auslastung und Atmosphäre des Eifeldorfes wegen der fehlenden Besucher aus, wie dies aber in der Werbung für das Eifeldorf „Grüne Hölle“ versprochen worden war: „Bis zu 6.000 Menschen gleichzeitig können Tag und Nacht in zehn verschiedenen Locations feiern und flirten!“ [5]

Die Frage ist, inwiefern sich der „Mythos Nürburgring“, der im Bewusstsein einer breiten Bevölkerung mit Vorstellungen von nervenaufreibender Rennatmosphäre und Campingromantik verankert ist, mit solchen Versprechungen in Einklang bringen lässt. Seitdem die Idee von einer eigenständigen Rennstrecke in der Eifel durch ihren „geistigen Vater“, den Landrat Dr. Otto Creutz, im Jahre 1925 geboren und durch die Kraftanstrengung des kleinen Landkreises Adenau im Jahre 1927 auch verwirklicht worden war, lebte der Nürburgring von den eigentlichen Motorsportspektakeln und ihren Besuchern, wie dies von den Fans des klassischen Nürburgrings unter dem Titel "pro-steilstrecke" zum Ausdruck gebracht wird: „Am Besten kann man heute die Atmosphäre um den Nürburgring und den Motorsport bei 24h-Rennen erleben. Hier herrscht dann eine besondere Eifelatmosphäre, die man erlebt haben muss. Campen, Lagerfeuer und Gänsehautmotorsport direkt an der Rennstrecke. Dies ist in der heutigen Zeit wirklich einmalig.“ [6]

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Bild 30: Landrat Dr. Otto Creutz (1889-1951), der "geistige Vater" des Nürburgrings (Quelle-Wiki Commons-0-08 Creutz_Otto)

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Bild 31: Gedenkstein vor dem Dorint-Hotel am Nürburgring zu Ehren von Dr. Otto Creutz (Quelle-Wiki Commons-Wolfgang Pehlemann)

1 Le-Mans-Start: Bei einem solchen stehen die Fahrer einige Meter von ihrem Fahrzeug entfernt und laufen bei der Startfreigabe zu diesem, um es zu starten.

Anmerkungen

[1] Der Spiegel 19/1984 vom 07.5.1984: „Renovierte Hölle“
[2] Jürgen Haffke: Der Nürburgring. Tourismus für Millionen, Bonn 2010, S. 60
[3] Spiegel online vom 08.11.2009
[4] Spiegel online vom 01.8.2012
[5] Zitiert nach Jürgen Haffke: Der Nürburgring. Tourismus für Millionen, Bonn 2010, S. 82.
[6] Zitiert nach ebd., S. 86.

Literatur

- Michael Behrndt/Jörg-Thomas Födisch: 80 Jahre Nürburgring. Chronik einer Rennstrecke, Königswinter 2007
- Jörg-Thomas Födisch/Robert Ostrovsky: Der Nürburgring: die legendäre Rennstrecke von 1927 bis heute, Königswinter 2000
- Michael Behrndt/Jörg-Thomas Födisch: Kleiner Kreis – Großer Ring. Adenau und der Bau des Nürburgrings, Köln 2010
- Michael Behrndt/Jörg-Thomas Födisch/Matthias Behrndt: ADAC Eifelrennen, Königswinter 2009
- Jürgen Haffke: Der Nürburgring. Tourismus für Millionen, Bonn 2010

Text: D. Siebert-Gasper, 8/2019

Zur Webseite "Die Wahnbachtalstraße zwischen Siegburg und Much im Bergischen Land" von D. Siebert-Gasper: